Gold unter Spannung: Neue Rallye oder Bruch der 4.000-$-Marke?
22.10.2026 | Markus Blaschzok
Der Goldpreis handelt aktuell bei rund 4.122 $ je Feinunze und damit nahezu auf dem gleichen Niveau wie bereits vor gut zwei Wochen. In den vergangenen zwei bis drei Wochen hat sich der Preis in einer engen Handelsspanne zwischen rund 4.080 $ auf der Unterseite und 4.220 $ auf der Oberseite eingependelt. Silber fiel in den vergangenen Handelstagen kurzzeitig bis in den Bereich seiner letzten Unterstützung um 55 $ je Feinunze zurück, konnte sich von dort jedoch wieder etwas auf 58 $ erholen. Auch die Weißmetalle standen zuletzt weiter unter Druck. Platin verlor in den vergangenen zwei Wochen rund 3%, Palladium etwa 6%.Gleichzeitig bleibt das Makro-Umfeld schwierig. Der US-Dollar-Index konnte zwischenzeitlich bis auf rund 103 Punkte steigen, während der Euro zum US-Dollar bis auf knapp 1,11 $ und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 2025 fiel. Der WTI-Rohölpreis stieg in dieser Handelswoche erneut über 101 $ je Barrel, während der Konflikt im Mittleren Osten unverändert anhält.

Der US-Dollar hat seinen langfristigen Aufwärtstrend trotz eines extrem bärischen Sentiments verteidigt und stieg zuletzt deutlich an
Gold hält sich trotz Gegenwind über 4.000 $
Das Marktumfeld hat sich damit gegenüber den vergangenen Wochen kaum verändert. Dennoch könnte sich aus der aktuellen Seitwärtsbewegung eine neue Rallye entwickeln, wenn es den Bullen gelingt, die Unterstützung zu verteidigen und anschließend die Oberseite der Handelsspanne über 4.260 $ zu überwinden. Aktuell liefern sich Bullen und Bären einen Kampf um die kurzfristige Richtung, der bereits in den kommenden Tagen oder spätestens in der nächsten Handelswoche entschieden werden könnte.
In dieser technisch angespannten Situation reichen bereits politische oder geldpolitische Meldungen aus, um einen Ausbruch in die eine oder andere Richtung auszulösen. Trader, die auf einen steigenden Goldpreis setzen, sollten deshalb weiterhin vorsichtig agieren und Long-Positionen mit einem engen Stop-Loss absichern.
Zentralbanken und ETFs stützen den Goldpreis
Bullisch bleibt hingegen die institutionelle Investmentnachfrage. Die weltweiten Zentralbanken kauften im September nach vorläufigen Daten des World Gold Council rund 63 Tonnen Gold und damit so viel wie seit November 2024 nicht mehr. Allein die People’s Bank of China erhöhte ihre Reserven um 23 Tonnen, den größten monatlichen Zukauf seit Oktober 2023. Im gesamten dritten Quartal kaufte China 63 Tonnen Gold und damit so viel wie seit dem dritten Quartal 2023 nicht mehr.
Auch die Nachfrage über Gold-ETFs bleibt stark. Trotz eines Preisrückgangs von 8,5% im September flossen weltweit rund 10 Mrd. $ beziehungsweise 67 Tonnen in Gold-ETFs. Die globalen ETF-Bestände stiegen dadurch auf ein neues Rekordhoch von 4.256 Tonnen, während sich die Zuflüsse im dritten Quartal auf einen Rekordwert von 31 Mrd. US-Dollar summierten. Auch im Oktober setzte sich dieser Trend fort. Zuletzt verzeichneten Gold-ETFs bereits die 13. Woche in Folge Nettozuflüsse. Allein in der vergangenen Woche flossen netto rund 1,91 Mrd. US-Dollar in die Fonds, davon fast 1 Mrd. US-Dollar aus den USA und rund 498 Mio. US-Dollar aus China.
Auch in Asien bleibt die Investmentnachfrage robust. Chinesische Gold-ETFs erhöhten ihre Bestände im September um 11 Tonnen auf den Rekordwert von 304 Tonnen, wobei sich die Zuflüsse auch Anfang Oktober fortsetzten. In Indien erreichten die Zuflüsse in Gold-ETFs im September mit 44,5 Mrd. Rupien beziehungsweise rund 466 Mio. US-Dollar den höchsten Stand seit sieben Monaten.
Auch die physische Nachfrage in Indien zeigt erste Anzeichen einer Belebung. Der Abschlag des heimischen Goldpreises gegenüber der Importparität verringerte sich von durchschnittlich 66 $ im September auf nur noch 8 $ Mitte Oktober, was auf eine stärkere saisonale Nachfrage hindeutet. Gleichzeitig meldeten börsennotierte Juweliere im dritten Quartal Umsatzsteigerungen von 20% bis 30% gegenüber dem Vorjahr, wobei das Wertwachstum allerdings stärker ausfiel als das Absatzwachstum.
Unterstützung kommt langfristig auch von der Angebotsseite. Trotz der hohen Goldpreise erwartet die CIBC lediglich ein Wachstum der globalen Minenproduktion von rund 1% pro Jahr, da sinkende Erzgehalte, lange Genehmigungsverfahren und operative Probleme eine schnelle Ausweitung des Angebots verhindern.
Nur wenige Notenbanken treten aktuell als Goldverkäufer auf. Eine Ausnahme ist die Bank of Russia, die im September weitere 6,2 Tonnen Gold veräußerte und ihre Bestände damit den zehnten Monat in Folge reduzierte. Mit aktuell 2.264 Tonnen liegen die russischen Goldreserven auf dem niedrigsten Stand seit Ende 2019. Seit Dezember 2025 summieren sich die Verkäufe auf 62 Tonnen, während die Regierung gleichzeitig mit einem stark steigenden Haushaltsdefizit zu kämpfen hat.
Russland ist nach China der zweitgrößte Goldproduzent der Welt und fördert jährlich mehr als 300 Tonnen. Die russische Zentralbank gehörte über Jahre zu den größten staatlichen Goldkäufern weltweit, hat ihre Käufe seit Beginn des Ukraine-Krieges 2022 jedoch deutlich zurückgefahren und zuletzt sogar Bestände abgebaut.
Die strukturellen Fundamentaldaten bleiben damit langfristig bullish für Gold. Kurzfristig stehen diesen Faktoren jedoch ein überkaufter Terminmarkt, hohe Zinsen, ein starker US-Dollar und ein Rohölpreis von über 100 $ gegenüber. Besonders bemerkenswert ist, dass die Investmentnachfrage trotz hoher Zinsen, eines starken US-Dollars und des deutlichen Preisrückgangs nicht abreißt. Dies dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, weshalb sich der Goldpreis bislang oberhalb der Marke von 4.000 $ halten kann.
Die Entscheidung fällt an der Unterstützung bei 4.000 $
Trotzdem gelang es den Bullen bislang nicht, nach dem Rücksetzer auf das Ausbruchsniveau von Anfang August eine neue Aufwärtsbewegung einzuleiten. Noch können sie das Ruder herumreißen, wobei bereits eine positive politische oder geldpolitische Meldung ausreichen könnte, um den Goldpreis aus dem Stand wieder nach oben zu treiben.
Bricht hingegen die Unterstützung bei rund 4.080 $, dürfte erneut der wichtige Bereich zwischen 3.950 $ und 4.000 $ getestet werden. Ein solcher Rückfall wäre charttechnisch ein schlechtes Signal und würde die Gefahr eines stärkeren Abverkaufs deutlich erhöhen.
Die starke Rallye im August hat gezeigt, wie schnell sich die Lage durch neue Nachrichten drehen kann. Gerade im Bereich um 4.000 $ könnten positive politische Meldungen jederzeit eine neue Rallye entfachen. Sollten erneut Hoffnungen auf einen Frieden im Mittleren Osten aufkommen, die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Dezember sinken und die Marktzinsen zurückgehen, könnte neue Investmentnachfrage die Edelmetalle schnell wieder nach oben treiben.